Badische Zeitung, 26. Februar 2004
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Wenn sie in ein Flugzeug klettert und die Turbinen laufen: Dann kann sie ein Geräusch wahrnehmen. So ab 100 Dezibel. Darunter ist Stille. Sarah Neef, 20 Jahre alt und von Geburt an taub, hat an einer Schule für Hörende Abitur gemacht, mit Auszeichnung, spricht vier Fremdsprachen - und: Sie ist Balletttänzerin. Sechs Monate lang, vom Abitur im Juni 2001 bis zu ihrer ersten Tanzpremiere Ende November am Theater Heilbronn, haben die Filmemacher Joachim Bihrer und Claus Hanischdörfer diese außergewöhnliche junge Frau begleitet. Ihr einstündiger Dokumentarfilm eröffnet heute um 23.15 Uhr eine neue Staffel "Junger Dokumentarfilm" in Südwest 3. Die Reihe wurde 1999 vom Südwestrundfunk zusammen mit der Medien-und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und der Filmakademie in Ludwigsburg ins Leben gerufen. Sie ermöglicht jungen Filmemachern die Finanzierung und Ausstrahlung ihres Debütfilms. Sechs solcher Filme laufen von heute an immer donnerstags zu später Sendezeit - aber wer die Reihe kennt, weiß: Die Filme lohnen es, aufzubleiben - oder den Videorekorder zu aktivieren. Dieser hier ganz besonders. Die beiden Autoren und Regisseure, Jahrgang 1966 und 1973, haben das Kunststück geschafft, eine Dokumentation über Tanz und Musik in einer Welt der Stille zu drehen, die ganz ohne erklärende Sprecherkommentare auskommt. Sie zeigen, was sie sagen wollen. Wie Sarah sprechen gelernt hat: bei einer Sprachtherapeutin, die wir in der Schweiz bei ihrer mühsamen und liebevollen Arbeit mit gehörlosen Kindern sehen. Wieso Sarah die Gebärdensprache nicht benutzt, was ihr das "Mundbild" bedeutet. Wie sie als Pianistin und Tänzerin mit der Musik umgeht, wie sie sie fühlt, denkt, wie sie beim Tanz ihre Einsätze den Musikern von den Fingern abliest. Wie Sarah, vor allem, den Rhythmus zelebriert, ein zutiefst innerliches Geschehen, das in ihrem Tanz eine faszinierende Expression findet. Eine gleichermaßen informative wie poetische Dokumentation – nein, nicht über eine Behinderung, sondern über ein starkes selbstbewusstes Leben. Und wenn etwas schmerzlich anrührt an diesem Film, dann gerade dies: die Stärke, Kontrolliertheit, eiserne Disziplin, ohne die Sarah nicht wäre, was sie ist. Sie schimmern noch in der seligsten Bewegung dieser bildschönen jungen Frau durch. GABRIELE SCHODER |