epd medien Nr. 97 vom 11. Dezember 2004
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KEINE LEICHE, KEIN HONORAR "Das Geschäft mit dem Schrecken - Mit Katastrphenfilmern unterwegs", Reportage von Claus Hanischdörfer (SWR, 1.12.04, 23.55 - 0.25 Uhr) |
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epd Sie sind unterwegs im Unterholz der Nachrichtenbranche und die Guerillakämpfer des Boulevardfernsehens: die mit der Videokamera bepackten Freelancer an den Unfallorten dieser Republik. "Geier oder Bluthunde" nenne man sie, eröffnet Claus Hanischdörfer seine Reportage, wobei er noch anmerkt, dass sich die meisten der neugierigen Filmer selbst nicht gefilmt sehen wollen. Drei von ihnen haben sich dennoch bei ihrer meist nächtlichen Pirsch begleiten lassen. Trotz ihres markanten Einstiegs erweist sich die Reportage jedoch als weit unspektakulärer als ihr Sujet. Die Szenen der rasenden Reporter kommen sehr gemächlich daher, auch die Bilder ihrer Tatorte, schwere Verkehrsunfälle und Brände, wirken sehr moderat - so als habe der Reporter Angst, unter den Verdacht der Sensationslust zu geraten. Hanischdörfer entwickelt dennoch ein dramaturgisch überlegtes Berufsbild. Drei Männer tauchen auf, wirken wie Symbolismen des Metiers: der junge Draufgänger, der abgebrühte alte Hase und der erschöpfte Vorsenior. Damit zeichnet er ein Bild der Desillusion, beraubt das emotionale Geschehen seiner dramatischen Aura und mehr noch: seiner Emotionen. Wolgang Wiebold, Duzfreund des RTL-Nachrichtenmanns Uli Klose, meint, das Gefährlichste an seinem Job sei es, Gefühle zu zeigen, persönliche Beziehungen zu irgendeinem der gefilmten Opfer aufzubauen. Ein ehrlicher, schmerzlicher, aber auch kurzer Moment der Wahrheit in einem Film, der ansonsten selbst die kühle Distanz zum Geschehen wahrt. Dabei hat das, was da so en passant zu hören ist, schon stark medienkritische Qualität. Da gibt es die nächtliche Autobahnkarambolage mit Schwerverletzten. Aber keinen Toten - da bleiben für Wiebold als Abnehmer nur die regionalen Spätnachrichten. Aber auch dort lehnt man ab - keine Leiche, kein Honorar. Der Mann, der schon dreißig Jahre im TV-Geschäft ist, kann noch das Autowrack filmen, das eine junge Frau in die Ruhr fuhr. Und selbst diese Bilder werden in einer Sendung getoppt mit Bildern Hunden, die aus dem Wasser gerettet wurden. Die "verkaufen sich von alleine", meint der Filmer Amadeus Sartorius, der sein Ingenieurstudium schmiss, nachdem er mit den Bildern des ICE-Unglücks in Eschede gleich zu Beginn seiner TV-Karriere den großen Coup landete. "Ich hab'n Feuer für euch", kündigt er lässig einen Großbrand an, an dessen Bildern er in einer Nacht 2500 Euro verdient. Und das nicht allein, denn er hat sich ein Netzwerk an Informanten aufgebaut. Die hören, wie könnte es auch anders sein, den Polizeifunk ab. Das ist wohl nicht erlaubt, aber toleriert. Alle drei Reporter haben ein richtig kollegiales Verhältnis zu den Polizisten und Feuerwehrleuten, zumindest scheint es so. Und ob es nicht doch auch ein paar schmutzige Tricks in der Szene gibt, wollte der Autor gar nicht so genau wissen, dafür lässt er es selbst menscheln, zeigt die Akteure so, wie sie sich selbst gerne sehen. Wie den Kettenraucher Wiebold, der sich selbst "Dokumentarist am jungfräulichen Tatort" nennt und den Job mit dem "Leben in freier Wildnis" vergleicht. Nur einer fällt da etwas aus dem Rahmen: Werner Schindler, ein Eigenwilliger aus dem Schwarzwald, der erst spät, nach der Entlassung bei Mercedes, zu dem Job kam. Den macht er eher mürrisch, informiert sich ausgerechnet per Teletext über Unfallmeldungen und bleibt bei der Anfahrt prompt im Stau stecken. Ende einer Dienstreise zu den Tragödien der technologischen Gesellschaft, deren Gesichter und Namen im Dunkel der Nacht verbleiben. Was bleibt, ist das Suchscheinwerferlicht einer an schnellen visuellen Häppchen interessierten Gesellschaft. Doch mehr noch: sichtbar wird in dieser Reportage auch die Zukunft des outgesourcten TV-Journalismus. Der Typ des Videojournalisten, einst in den USA als Ein-Mann-Katastrophenfilmteam noch der Exot, ist längst auch in der hiesigen Fernsehlandschaft angekommen, auch bei den Gebührensendern. Der Mann der Zukunft stellt keine langen Fragen mehr, dreht dafür umso schneller Bilder vom Geschehen da draußen, das rasch verwertet wird. Diese Beschleunigung des Blicks und der Medienökonomie entgeht Hanischdörfer, der einen im Grunde gemütlichen und gutmütigen Film über die echten Kerle in der Journalistenszene gemacht hat. Doch sie sind nicht die Helden der Nacht, sondern - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die armen Jungs im kannibalistischen Geschäft des Blaulichtfernsehens, dessen Drahtzieher hier gnädig im Off bleiben. Dieter Deul |