Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Februar 2004
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| Mit seinem Lied "Musik, nur wenn sie laut ist",
das sehr einfühlsam die Musikleidenschaft einer tauben jungen Frau
beschreibt, landete Herbert Grönemeyer 1984 einen Hit in den deutschen
Charts. Vor allem der Refrain macht deutlich, wie diese etwas schwierig
nachzuvollziehende Leidenschaft überhaupt zustande kommt: "Sie mag
Musik nur, wenn sie laut ist, das ist alles, was sie hört. Sie mag Musik
nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann
vergisst, dass sie taub ist." So sind es also vor allem die
Schwingungen der Musik, die für die Leidenschaft sorgen, da sie, wenn
auch nicht hörbar, so doch wenigstens fühlbar sind.
Ganz ähnlich entwickelte sich auch Sarah Neefs Leidenschaft für Musik, denn wie die Protagonistin in Herbert Grönemeyers Lied, ist auch sie von Geburt an gehörlos: "Musik höre ich immer direkt vorm Lautsprecher, denn dann spüre ich die Schwingungen richtig. Mein Körper funktioniert dann wie eine hochsensible Radarstation, die alles in ihrer Umgebung aufnimmt. So verinnerliche ich dann die Musik, die ich vorher spüre, um sie dann später nur noch in mir abzuspielen, wenn ich auf der Bühne stehe und tanze." So erzählt der Film "Im Rhythmus der Stille" von Joachim Bihrer und Claus Hanischdörfer, mit dem das Südwest Fernsehen heute Abend seine neue Staffel der beeindruckenden Nachwuchsreihe "Junger Dokumentarfilm" eröffnet, die beinahe unglaubliche Geschichte der zwanzigjährigen Sarah Neef, die ihre Leidenschaft für Musik und Tanz trotz ihrer Behinderung zum Lebensinhalt machen möchte. Sechs Monate lang verfolgten die beiden Filmemacher mit der Kamera Sarahs Leben und Tanzen und zeichnen dabei ein sehr einfühlsames Portrait von einer überraschend starken Frau. Ihr Abitur, das sie mit Auszeichnung, auch in den mündlichen Prüfungen, bestanden hat, bedeutet für Sarah mehr als bloß das Zeugnis der Reife: "Das ist ein ganz besonderer Tag für mich, nicht nur wegen des bestandenen Abiturs, sondern weil er das Ergebnis von harter Arbeit verbunden mit eiserner Disziplin ist und mir gezeigt hat, dass jeder Mensch, trotz eines scheinbar unüberwindbaren Handicaps, das erreichen kann, was er sich vornimmt." In ihrem Film gelingt es Joachim Bihrer und Claus Hanischdörfer, durch geschickte Schnitte und Tonmontagen das zu erreichen, was eigentlich nur schwer vorstellbar ist: Sie vermitteln ein Gespür dafür, was es bedeutet, in einer völlig fremden und tonlosen Welt zu leben, die doch gleichzeitig voller Gefühl und Rhythmus ist. So nutzen die beiden zum Beispiel die Tonspur zur Illustration des Handicaps von Sarah, indem sie nur Rauschen unter die Bilder legen oder den Ton ganz ausblenden. So wird die Kommunikation der Tänzerin über Zeichen und Lippenlesen deutlich gemacht. Auch die weiteren, in der Reihe "Junger Dokumentarfilm" gezeigten Beiträge, machen auf beeindruckende Art und Weise deutlich, wie unterschiedlich der Umgang junger Filmemacher mit den Stilformen ihres Metiers hierzulande ist oder doch wenigstens sein kann. Das ist in erster Linie der absoluten kreativen Feiheit zu verdanken, die das Projekt "Junger Dokumentarfilm" ermöglichen und fördern will. Ziel des Projekts ist es nämlich, jungen Dokumentarfilmern die Möglichkeit zu geben, sich ohne inhaltliche und formale Zwänge frei zu entfalten und dabei eine eigenen dokumentarische Handschrift zu entwickeln. Den beiden Dokumentarfilmern Bihrer und Hanischdörfer ist das mit ihrem Film "Im Rhythmus der Stille" in jeder Beziehung gelungen. Die weiteren sechs Beiträge der Reihe "Junger Dokumentarfilm" werden in den folgenden sechs Wochen ebenfalls Donerstags um 23.15 Uhr im Südwest Fernsehen gesendet. FRANZ SOLMS-LAUBACH |