Frankfurter Rundschau, 26. Februar 2004
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| Die Verkäuferin fragt routinegemäß nach der
Telefonnummer der Kundin und kriegt eine Antwort, die Stirnrunzeln
verursacht: "Sie brauchen mich nicht anrufen, ich bin taubstumm"
sagt die Käuferin. Verstehe, antwortet die Buchhändlerin, plappert
weiter und hält dann inne: "Aber Sie haben doch gerade
gesprochen?" Sarah Neef heißt die junge Frau, der die beiden
Filmemacher Joachim Bihrer und Claus Hanischdörfer mit ihrer
Dokumentation Im Rhythmus der Stille ein sensibles Porträt
gewidmet haben. Eine außergewöhnliche Frau, wie nicht nur die
Verkäuferin, sondern auch der Zuschauer bald feststellt: Sarah Neef ist
seit Geburt gehörlos, kann aber sprechen. Und nicht nur das: Sie spielt
Klavier, beherrscht fünf Fremdsprachen und hat eine besondere
Leidenschaft - das Ballett. Tanzen? Zu Musik? Ohne zu hören? "Schon
ein Hörender hat Probleme, den Rhythmus zu halten, wenn er sich die Ohren
beim Tanzen zuhält", erklärt Sarahs Akustiker.
Die Fragezeichen im Kopf der Zuschauer werden immer größer, eben so groß, wie sie werden dürfen, um nicht zu frustrieren - erst dann liefern die beiden Filmemacher Antworten. Diese dramaturgisch geschickte Irritation schärft zugleich die Aufmerksamkeit für die Herausforderungen, denen sich die Tänzerin im Alltag stellen muss. Zu viel hat der Südwestrundfunk folglich nicht versprochen, als der die neue Staffel der ambitionierten Reihe "Junger Dokumentarfilm" mit den Worten ankündigte, es handele sich um Nachwuchsfilme mit "eigener Handschrift". Denn Bihrer und Hanischdörfer bemühen sich erfolgreich, den Zuschauer auch zum Zuhörer zu machen: Immer wieder gleitet die Tonspur ihres Films bei der Beobachtung des Alltags von Sarah in ein dumpfes Rauschen ab. Ein kleiner Eindruck vom Hör-Horizont der Sarah Neef, sie selbst hat sich deshalb andere Wege der Wahrnehmung erschließen müssen: "Mein Körper ist eine hochsensible Radarstation", sagt die Abiturientin, die Schwingungen wahrnimmt, von den Lippen abliest und die Bewegungen der Musiker beobachtet, um zu tanzen und mit ihrer Umwelt Kontakt aufzunehmen. Vielleicht wirken die Ballett-Solos, die sie einstudiert, deshalb besonders emotionsgeladen - weil ihre Interpretin sie mehr fühlt als hört. von JENS HOLST |