Neue Zürcher Zeitung, 25. Juli 2003


 

Wäre da nicht dieses unüberhörbare Rauschen, spräche zunächst nichts für das Außergewöhnliche. Nahaufnahmen zeigen eine junge Frau am Schminktisch in einer Theatergarderobe, offensichtlich bei letzten Vorbereitungen zu einer Aufführung vor voll besetzten Rängen. Die Protagonistin freilich ist seit ihrer Geburt nahezu gehörlos. "Tanzen bedeutet mir alles", sagt Sarah Neef eingangs des beeindruckenden Dokumentarfilms "Im Rhythmus der Stille" von Joachim Bihrer und Claus Hanischdörfer, welche im Auftrag des Südwestrundfunks die Zwanzigjährige während sechs Monaten mit der Kamera begleitet haben.

Ihre Rückblende setzt ein mit Bildern von der Maturfeier und ungeschönten Aussagen: Die mit Bestnoten abgeschlossene Schulzeit unter Hörenden habe jahrelange harte Arbeit bedeutet, betont die ausdrucksstarke Tänzerin in einem immer wieder von (fast) tonlosen Sequenzen geprägten Porträt; so etwa, wenn ihre Leistung anhaltenden Applaus erntet und die Filmautoren mit gutem Grund auf bewegte Lippen fokussieren. Sarah Neef nämlich hat sich Sprachfähigkeit und Verstehen durch das Lesen der Lippen angeeignet. Nicht zuletzt intensives Training mit ihren Eltern unter Anleitung einer engagierten Sprachtherapeutin hat ihr ein erträglich(er)es Leben ermöglicht. Mit jedem neuen Wort hätten sie damals "Glücksmomente" erlebt, erinnert sich ihre Mutter. Trotz einer Diagnose, die - so der Vater - "erst mal niederschmetternd" war, und nach einer wegweisenden Stuttgarter Ballettinszenierung von "Dornröschen" fühlte sich ihre Tochter früh zum Tanztheater hingezogen.

Auch wenn sich die entsprechend geförderte Elevin heute scheinbar mühelos durch ihren Alltag bewegt, lassen sich beengende Erfahrungen gleichwohl keineswegs ausblenden. Wiederholt musste sich Sarah Neef mit "diffamierenden" Einschätzungen auseinandersetzen, wonach sie ihr mutmaßlich "unüberwindbares Handicap" nicht akzeptiere. Die laut  einem ebenfalls zu Wort kommenden Fachmann "hochgradig schwerhörige" Musikerin und Tänzerin, die erst bei 1000 Hertz und ab 100 Dezibel - vergleichbar mit der Lärmbelastung beim Einsteigen in ein Flugzeug - etwas zu hören vermag, sah sich jedenfalls einem eigentlichen Hürdenlauf ausgesetzt, als beispielsweise die Suche nach einer Klavierlehrerin begann. Am Piano oder vor den Lautsprechern sitzend, spürt(e) sie - einer "hochsensiblen Radarstation" gleich - Schwingungen ("eing gutes Gefühl"), die sich auf ihren Körper übertragen.

Dieses elementare Fühlen statt Hören nährt denn auch maßgeblich die ebenso anspruchsvolle wie aufschlussreich dokumentierte Zusammenarbeit mit dem Cellisten Ekkehard Hessenbruch und dem Pianisten Tobias Rückert während der Proben zur (bereits im Vorspann aufscheinenden) Heidelberger Premiere des (Tournee-)Stücks "Die Liebe zum Mond" mit Kompositionen von Chopin, Debussy und Mendelssohn. Weil sich Sarah Neef nicht auf ihr Gehör verlassen kann, richtet sich ihre gebündelte Aufmerksamkeit mitunter auf Streicher- und Tastenbewegungen, die ihren Körper an einer bestimmten Stelle buchstäblich in "Erschütterung versetzen" sollen. Auch das sind eindringliche Passagen einer Dokumentation, die sich Betroffenheitskitsch konsequent versagt.

rer.

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